8. Mai – Wir feiern an der Peene

Ein sehr lesenswerter Beitrag der Gruppe „Defiant“ zu den Naziaktivitäten in Demmin und den Gegenaltionen am 8. Mai:

Hauptstadt der Arbeitslosen

Mit dem Auto nur eine dreiviertel Stunde von Greifswald entfernt, liegt die ehemalige Kreisstadt mit ihren ca. 11.500 EinwohnerInnen und den 3 Flüssen Peene, Trebel und Tollense. Wie so üblich in ostdeutschen Kleinstädten verschwand auch hier fast ein Drittel der Bevölkerung nach 1990. Was will man auch machen in einer Stadt, die einem nicht viel bieten kann und so hauen die meisten jungen Menschen ab, sobald sie ihre Schulausbildung abgeschlossen haben.
Im Oktober 2010 titelte Spiegel Online „Demmin in Meck-Pomm – Hauptstadt der Arbeitslosen” und machte damit schon in der Überschrift provokant deutlich auf welcher Seite die kleine Hansestadt steht – nämlich auf der, der vermeintlichen VerliererInnen, denn von einem „Aufschwung” ist wahrlich wenig zu merken in der Stadt. Angesichts dessen wirkt ein großflächiger Schriftzug „Her mit dem schönen Leben!” auf einer grauen Wand nahe des Peeneufers auch vielmehr verzweifelt als kämpferisch und lässt hinter den Zeilen einen tristen Alltag erahnen. Ein Alltag, in dem vor Allem die wenigen Linken, die es in Demmin augenscheinlich auch gibt, nicht viel zu lachen zu haben scheinen.

Wirkungsstadt der Rechten

Auf dem Peenefest im Mai 2008 werden 3 Jugendliche von 8 Neonazis attackiert mit der Begründung, persönlichen Kontakt zu der antifaschistischen Band Feine Sahne Fischfilet zu haben. Im 18 km entfernten Tückhude finden über Jahre hinweg Zeltlager der mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) unter der Leitung des Greifswalder Neonazi-Kaders Frank Klawitter statt (link). Im Sommer 2008 eröffnet in der Demminer Innenstadt ein Laden, welcher die rechte Modemarke Thor Steinar verkauft. In der Nacht der Jährung der Reichsprogromnacht schänden Neonazis den Jüdischen Friedhof. Bei einem Fußballspiel des Demminer SV gegen den FSV Malchin wird ein Spieler mit einer Banane beworfen und rassistisch beschimpft. Immer wieder kommt es zu rechten Sprühereien, es werden neonazistische Sticker geklebt und nicht-rechte Menschen werden bedroht und angegriffen.
Zudem machte die Demminer Ausländerbehörde mehrfach Negativschlagzeilen, nachdem sich unter Anderem Flüchtlinge durch offen getragene Waffen der MitarbeiterInnen der Behörde bedroht fühlten. Eine erschreckende Realität also, die sich so ähnlich auch in anderen mecklenburg-vorpommerschen Städten wiederfinden lässt.

Demmin: Das Dresden MV´s?

Mit ca. 120 TeilnehmerInnen fand der erste neonazistische Trauermarsch am 6. Mai 2006 in Demmin statt. Seit 2008 konzentriert sich die rechte Szene allerdings auf den 8. Mai als zentrales Datum und findet sich jährlich mit 200 bis 250 KameradInnen in Demmin ein. In gewohnter geschichtsrevisionistischer Manier versuchen die Nazis so den Tag der Befreiung umzudeuten. Dabei spielt Demmin als Wirkungsstädte für ihr Rumgeheule eine ganz besondere Rolle. Mit dem Einrücken der Roten Armee im April/Mai 1945 begingen einige hundert DemminerInnen Selbstmord. Dies nutzen die Nazis, um ein Bild von deutschen Opfern zu propagieren, welches ganz einfach falsch ist und lassen dabei die Geschehnisse und deutschen Verbrechen von vor 1945 völlig außer Acht. Zudem wurden die Opferzahlen in den vergangen Jahren von den Nazis Stück für Stück angehoben.
Was gerne verschwiegen wird ist, dass bereits in der Weimarer Republik Demmin eine Hochburg der nationalistischen und antisemitischen Partei DNVP und deren bewaffneter Arm, des Stahlhelms war. Schon vor 1933 kam es zu Boykotten gegenüber jüdischen Geschäften und zu einigen antisemitischen Kundgebungen. Zu den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erreichte die NSDAP dann 53,7 % der Stimmen – alles andere als unschuldige ZivilistInnen also.

Es gibt Hoffnung

Nachdem lange Zeit Widerstand gegenüber den Naziaufmärschen in der Stadt kaum spürbar war und sich von offizieller Seite mit einem Friedensgebet und dem herunterlassen der Rollläden begnügt wurde, regt sich seit 2 Jahren Protest von engagierten AntifaschistInnen in und um Demmin. 2010 gelang es erstmals eine nennenswerte, zumindest akkustische Störung der rechten Veranstaltung zu erzielen. Im November des gleichen Jahres wählte die Band Feine Sahne Fischfilet die Stadt an der Peene für ihre Veröffentlichung des zweiten Albums und organisierte einen antifaschistischen Aktionstag über den, zumindest für einen Tag die rechte Hegemonie in der Region angekratzt werden konnte. Was, angesichts der alltäglichen Situation vor Ort, wie ein Tropfen auf einen heißen Stein wirkt, wurde allerdings genutzt, um sich zu vernetzen und auch die Planungen für das nächste Jahr in Gang zu bringen.
2011 organisierte das Bündnis Demmin ist Bunt ein Fest auf der gegenüberliegenden Peeneseite in Hör- und Sichtweite der Kranzniederlegung und Kundgebung der Nazis. So konnte erneut die Trauergemeinde gestört und aus dem Konzept gebracht werden.
In diesem Jahr hat das Bündnis gemeinsam mit der Hansestadt im gesamten Stadtgebiet für den 8. Mai Aktionen angemeldet. Schon seit einiger Zeit initiiert das Bündnis mit Kulturveranstaltungen eine geschichtliche Aufarbeitung, um den nazis inhaltlich etwas entgegenzusetzen.
Mittlerweile ist aber auch klar: Die Nazis werden auch am 8. Mai 2012 wieder durch die Stadt marschieren. Ob das Ziel des Demminer Bündnisses, den Naziaufmarsch zu verhindern, realistisch ist, bleibt abzuwarten. Was aber mit Sicherheit gesagt werden kann: In Demmin tut sich was!

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